Ich sage das ganz direkt: Profit ist nicht falsch. Unternehmen müssen Geld verdienen. Das ist keine kontroverse Meinung.

Aber irgendwann in den letzten Jahrzehnten hat sich in vielen Marketingabteilungen ein stilles Missverständnis eingeschlichen. Nämlich dass der schnellste Weg zum Profit der beste ist. Und dass der Mensch am anderen Ende der Transaktion dabei vor allem eine Konversionsmöglichkeit ist – kein Gesprächspartner.

Das Ergebnis sehen wir überall. Countdown-Timer die lügen. Greenwashing-Kampagnen die auf Nachhaltigkeitsbewusstsein aufspringen ohne auch nur annähernd nachhaltig zu handeln. Pride-Logos die im Juni erscheinen und im Juli verschwinden. Marketing das Menschen nicht für voll nimmt.

Ich finde das nicht nur moralisch fragwürdig. Ich finde es auch handwerklich schlecht.

Whisky-Glas auf dunklem Holz – warmes Bernsteinlicht, ruhig und geerdet

Wir verkaufen an Menschen. Nicht an Zielgruppen.

Das klingt offensichtlich. Ist es aber anscheinend nicht – sonst würden Marketingentscheidungen anders aussehen.

In der Branche haben wir eine Tendenz entwickelt, Menschen in Datenpunkte zu übersetzen. Conversion Rate. Bounce Rate. Cost per Acquisition. Das sind wichtige Zahlen. Aber hinter jeder dieser Zahlen steckt jemand der eine Entscheidung trifft. Jemand der sich entweder wohl oder unwohl fühlt. Jemand der entweder das Gefühl hat, fair behandelt zu werden – oder nicht.

Und dieses Gefühl überträgt sich. Direkt auf Loyalität, Weiterempfehlung, Markenbindung. Auf alle Metriken die im Dashboard erst drei Quartale später sichtbar werden.

Wer seine Kunden als Datensätze behandelt, darf sich nicht wundern wenn sie sich auch so verhalten – nämlich austauschbar.

Was Vertrauen ökonomisch bedeutet

Vertrauen hat einen schlechten Ruf in Strategiepräsentationen. Es klingt weich. Schwer messbar. Eher was für den Markenleitfaden als für das Quartalsziel.

Das ist falsch.

Die Forschung zu vertrauensbasiertem Marketing zeigt ziemlich klar: Kunden die einer Marke vertrauen, kaufen öfter, beschweren sich seltener, empfehlen weiter und akzeptieren höhere Preise. Sie verzeihen sogar Fehler – wenn die Marke dafür bekannt ist, ehrlich damit umzugehen. Das sind keine weichen Faktoren. Das ist der Customer Lifetime Value.

3 % der Menschen vertrauen Verkäufern noch – klassische Pitches verlieren massiv an Wirkung
1 % geben an, dass klassische Werbung ihre Markenwahl tatsächlich beeinflusst
39 % der Konsumenten misstrauen Nachhaltigkeitslabeln – in Mode und Kosmetik sogar 45 %

Vertrauen senkt auch die Akquisitionskosten – weil zufriedene Kunden weiterempfehlen und das der günstigste Marketingkanal ist, den es gibt. Es schützt Margen, weil es keine endlose Rabattschlacht erzwingt. Und es macht Unternehmen stabiler in Krisen, weil es einen emotionalen Puffer gibt wenn mal etwas schiefläuft.

Das Gegenteil davon – Marketing das auf Täuschung oder kurzfristiger Manipulation basiert – hat ein Ablaufdatum. Es zieht Kunden an die im nächsten Moment beim günstigeren Anbieter sind. Es erzeugt Beschwerden. Und es wird irgendwann aufgedeckt.

Greenwashing und Pinkwashing: Wenn Marken vergessen wer zuschaut

Die lautesten Beispiele für gescheitertes Vertrauensmarketing kommen gerade aus zwei Bereichen: Umwelt und Diversität.

Greenwashing – sich nachhaltiger darzustellen als man ist – ist inzwischen so verbreitet dass 45 % der Konsumenten in Mode und Kosmetik aktiv vermuten, bewusst getäuscht zu werden. Das ist kein Randphänomen mehr. Das ist der Default-Verdacht.

H&M hat das exemplarisch vorgemacht. Die "Conscious Collection" warb mit Nachhaltigkeit, ohne belegen zu können was genau daran nachhaltiger war. Gleichzeitig verbrannte der Konzern tonnenweise unverkaufte Ware. Der Imageschaden war real – und er bleibt.

Fallbeispiel

Volkswagen – wenn Vertrauensbruch eine ganze Branche trifft

Der Dieselgate-Skandal 2015 kostete VW über 15 Milliarden US-Dollar in den USA allein. Der Aktienkurs fiel um 20 % innerhalb weniger Tage. Aber die eigentlich interessante Zahl ist eine andere: BMW und Mercedes büßten in Folge geschätzte 105.000 Fahrzeugverkäufe ein – ohne selbst beteiligt zu sein. Der Vertrauensbruch eines Unternehmens hat eine ganze Branche in Mithaftung genommen.

Das nennt sich "Collective Reputation Externality" – und es ist ein guter Grund, warum ehrliches Marketing kein Luxus ist, sondern Risikomanagement.

Beim Pinkwashing ist das Muster ähnlich. Mercedes und BMW haben 2021 ihre Logos in liberalen Märkten für den Pride Month umgefärbt – in Russland und dem Nahen Osten aber nicht, weil dort Geschäftsinteressen dagegen sprachen. Konsumenten und Aktivisten haben das bemerkt. Und sie haben sehr klar kommuniziert was sie davon halten.

Das ist nicht nur ein PR-Problem. Es ist ein Glaubwürdigkeitsproblem. Wer Solidarität zeigt wenn es nichts kostet und sie weglässt wenn es unbequem wird, hat keine Haltung – er hat eine Kampagne.

Greenwashing und Pinkwashing sind nicht gescheitert weil sie unethisch sind. Sie sind gescheitert weil Konsumenten inzwischen lesen können.

Was echte Vertrauensmarken anders machen

Es gibt Gegenbeispiele. Und die sind interessant – nicht weil sie moralisch vorbildlich sind, sondern weil ihre Strategie funktioniert.

Patagonia hat eine Anzeige geschaltet mit dem Titel "Don't Buy This Jacket". Kauft unsere Produkte nicht wenn ihr sie nicht braucht. Das ist Anti-Marketing im klassischen Sinne. Und es hat die Marke zu einem der loyalsten Kundenstämme aufgebaut die es in der Outdoorbranche gibt. Weil die Leute Patagonia glauben. Weil die Marke tut was sie sagt.

Oatly hat eine Website namens "F*ck Oatly" aufgebaut wo alle Kritikpunkte und Kontroversen gesammelt werden – einschließlich der Investition durch den umstrittenen Investor Blackstone. Statt Krisenkommunikation: radikale Offenheit. Das Ergebnis? Ein IPO-Wert von 10 Milliarden US-Dollar 2021 und kontinuierliches Umsatzwachstum.

Everlane legt für jedes Produkt die genauen Produktionskosten offen. Materialkosten, Arbeitskosten, Transportkosten, Marge. Das ist nichts was klassische Modeunternehmen tun. Und es ist genau der Grund warum Everlane-Kunden anders einkaufen – nämlich mit dem Gefühl einer informierten Entscheidung statt eines erkauften Bewusstseins.

Prinzip Kurzfristiges Denken Vertrauensbasiertes Denken
Fehler passieren Verbergen, Spin, ablenken Offen kommunizieren, Lösung zeigen
Kundenkommunikation Botschaft senden, Reaktionen managen Dialog suchen, Feedback integrieren
Preisgestaltung Rabatte als Wachstumsinstrument Vertrauen schützt Margen
Nachhaltigkeits-Claims Grüne Sprache ohne Substanz Konkrete Daten, Drittsiegel, Transparenz
Diversität & Werte Kampagne wenn es Rückenwind gibt Konsistentes Handeln auch wenn es kostet

Menschlich bleiben ist keine Schwäche

Ich arbeite seit acht Jahren im Marketing. Und ich sehe regelmäßig wie der Druck auf kurzfristige Zahlen dazu führt, dass Entscheidungen getroffen werden die langfristig schaden. Nicht weil die Menschen die diese Entscheidungen treffen schlechte Menschen sind. Sondern weil die Systeme in denen sie arbeiten genau das belohnen.

Das macht es nicht besser. Aber es erklärt warum "menschlich bleiben" keine Selbstverständlichkeit ist.

Was ich damit meine: Consumer First zu denken heißt nicht, auf Profit zu verzichten. Es heißt, sich zu fragen wie Profit entsteht. Ob er auf einer Beziehung basiert die beide Seiten wollen – oder auf einer Transaktion die eine Seite bereut.

Unternehmen die das ernst nehmen, bauen etwas auf das skaliert: Mund-zu-Mund-Propaganda, echte Loyalität, Kunden die bleiben auch wenn ein Wettbewerber günstiger wird. Das ist kein Idealismus. Das ist schlicht das bessere Geschäftsmodell.

Wir verkaufen an Menschen. Und Menschen merken es wenn man sie für dumm hält.

Was das für dein Marketing bedeutet

Du musst keine radikale Transparency-Strategie fahren wie Everlane. Du musst nicht Patagonia sein. Aber ein paar Fragen lohnen sich trotzdem:

Würde ich die Entscheidungen die wir gerade treffen auch dann treffen, wenn sie öffentlich wären? Kaufe ich den Kunden mit diesem Angebot wirklich ab – oder kaufe ich mir nur eine einmalige Transaktion? Und: Was passiert in drei Jahren mit dem Ruf den wir gerade aufbauen?

Das sind keine philosophischen Fragen. Das sind Strategie-Fragen.

Vertrauen aufzubauen dauert länger als eine Kampagne. Es zu zerstören geht schneller als ein Presseartikel. Und es reparieren ist teurer als beides zusammen.

Der klügste Moment um damit anzufangen ist also jetzt – bevor es teuer wird.

Quellen & weiterführende Literatur
  1. Trust-Based Marketing Handbook – StoryPrompt (storyprompt.com)
  2. What Is Trust Based Marketing and Why Is It Important for SMEs? – Netzoll (netzoll.com)
  3. Greenwashing von Unternehmen – Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (lpb-bw.de)
  4. Pinkwashing Examples That You Need to Know About – DMEXCO (dmexco.com)
  5. Firms and Collective Reputation: A Study of the Volkswagen Emissions Scandal – ifo Institut / NBER
  6. H&M's Greenwashing Controversy – Tabitha Whiting (tabithawhiting.com)
  7. Oatly: Consumer Trust & Brand Authenticity – Digital 24 (digitaltwentyfour.com)
  8. How You Can Learn From Everlane and "Radical Transparency" – We Make Websites (wemakewebsites.com)
  9. Retail-Studie: 27 % der Deutschen kaufen weniger wenn keine nachhaltigen Produkte verfügbar sind – Simon-Kucher (simon-kucher.com)